Liara 5: Shyisa

Auch wenn sie Sa-anjiá bei ihrem ersten Besuch nur durch einen Tränenschleier wahrgenommen hatte, strahlte der Turm die selbe düstere und geheimnisvolle Erhabenheit aus, wie jetzt. Doch ließ sie sich davon nicht beirren, sondern stolperte hastig über die Schwelle des gigantischen Haupttores, stürzte mit zornigen Flügelschlägen einige Treppenstufen hinauf und fand sich schließlich am Fuße der scheinbar unendlichen Wendeltreppe wieder, die bis zur Spitze des Turms führen musste und deren Ende sich in der absoluten Finsternis des Turms nur erahnen ließ.

Bis zu dieser uralten Treppe war sie viel zu aufgewühlt gewesen, um überhaupt ihre Umgebung wahrzunehmen. Sie wollte nur möglichst weit weg von all den Lügen und Täuschungen. Doch als sie damals die gewaltigen umstehenden Statuen erblickte, deren stille Erhabenheit und Unerschütterlichkeit den Raum erfüllten, beruhigte sich ihr rasendes Herz allmählich. Neugierig geworden, schob sie die Gedanken bei Seite, atmete tief ein und schwebte mit gekonnten Flügelschlägen den Turm hinauf. In der Dunkelheit konnte sie kaum etwas erkennen. Immer neue Schemen und Säulen säumten die Treppe und düstere Gewölbe führten von ihr weg. Im Schatten liegend konnte Liara schwere alte Türen ausmachen. Doch um sich nicht zu verirren, ließ  sie diese Gänge hinter sich liegen und folgte weiter der Treppe. Weit oben konnte sie einen hellen Fleck erahnen. Konnte dies Tageslicht sein?

Nach schier endloser Zeit erreichte sie den obersten Treppenabsatz. Noch etwas benebelt vom langen Weg nach oben, schaute sie sich um. Ein Gang führte gerade von der Treppe weg und endete in einem Torbogen. Sie hatte sich nicht getäuscht, einzelne Sonnenstrahlen verirrten sich bis zu ihr und kitzelten ihr in der Nase. Doch das Beeindruckendste waren die Wände. Sie glitzerten in tausenden Farben und es gab keine freie Stelle, die nicht mit schillerndem Mosaik verziert war. Langsam schwebte sie an den prächtigen Wandbildern mit ihr unbekannten seltsam wirkenden Tieren, verzaubernd schönen Mustern und alten Runen vorbei. Am Torbogen angekommen, offenbarte sich ihr ein kleiner Raum mit einem einzelnen Fenster, durch welches die wärmenden Sonnenstrahlen fielen. An den Wänden standen riesige Regale und der ganze Raum war mit Büchern angefüllt. Sofort hatte sie sich geborgen gefühlt und es sich seufzend auf einem der vielen Wälzer gemütlich gemacht. Seitdem war sie immer wieder an diesen Ort zurückgekehrt. Hier konnte sie ungestört nachdenken, die Schwierigkeiten von Zuhause vergessen und sich ganz von den Büchern ablenken lassen.

2. Kapitel: Shyisa

Verzweifelte Stimme, Klagen, Stöhnen. Schrille Schreie ungehört.
Schwerer Tränen traurig Lied.
Einsam verstummt.

Mit einem müden Zwinkern, schlägt Liara die Augen auf. Sie muss bei den ganzen Gedanken über ihren ersten Besuch im Turm eingeschlafen sein. Unter ihrem Rücken spürt sie immer noch den kühlen Stein und in ihrer linken Hand hält sie einen kleinen Gegenstand fest umklammert. Den hatte sie tatsächlich schon wieder ganz vergessen. Doch ohne ihn genauer zu untersuchen steckt sie ihn in eine Tasche. Sie muss schnell nach Hause, die anderen machen sich bestimmt schon Sorgen. Um sie herum zwitschern bereits die Vögel. Die Morgendämmerung taucht die Landschaft in ein tiefes Rot und verwandelte den spitzen Turm über ihr in eine flammende Fackel. Mit einem Gähnen erhebt sich Liara und flattert kurz mit ihren Flügeln. Ohne lange zu zögern schwingt sie sich in die Luft und macht sich auf den Weg.

Über dunkelrote Mohnfelder dahinfliegend und an reißenden Flüssen und grünen Wäldern vorbei, erreicht Liara das Ufer des Sees Shyi. In der Ferne kann sie schon die leuchtenden Farben der Feensiedlung ausmachen. Gelegen auf einer Insel inmitten des Sees lebt dort schon seit vielen Generationen das Feenvolk. Die ganze Insel ist ein einziges buntes und geschäftiges Treiben. Nah am Ufer schwimmen hunderte seltsam anmutende Behausungen, die untereinander mit Netzen verbunden und mit Stricken vertäut sind. Als Liara über das Hafenviertel fliegt, steigt ihr ein leichter Geruch von Fisch und Seetang in die Nase. Ohne Zeit zu verlieren flattert sie weiter zur Inselmitte vorbei an den verschiedensten Wohnnester. Einige kuriose Gebilde hängen sogar in den Ästen der höchsten Bäume und wiegen sanft im morgendlichen Wind. Doch Liara hält direkt auf den anmutendsten Bau der Insel zu.

Ein  paar Wiesen und Hügel später, liegt das Schloss majestätisch vor ihr. Zwischen sieben uralten Bäumen hängend, schwebt der riesige Bau aus zahllosen bernsteinfarbenen Kugeln hoch in der Luft. Eng verflochten und durch ein filigranes Netz aus in der Sonne schillernden Tauen zusammengehalten, bieten einige Kugeln Platz für riesige Säle, wohingegen andere kaum größer als kleine Kammern sind. Verwundene Treppen führen zu grün bewachsenen Plattformen zwischen den Kugeln und bis hinauf zu den höchsten Ästen der umliegenden Bäumen.

Auch diesen morgen lässt die Sonne das Schloss wieder in erhabener Schönheit erstrahlen. Noch vor wenigen Wochen hatte sie es genossen hier zu leben und war glücklich gewesen. Doch seitdem hatte sich einiges verändert und ihr Zuhause kam ihr zunehmend wie ein Gefängnis vor. So hat die kleine Fee auch diesmal wieder ein seltsames Gefühl, als sie auf eine der kleineren Kugeln am Bauch des Schlosses zufliegt.

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